Schlafmedizin & Schnarcherschiene (UKPS)

1.1 Was ist Schlafapnoe?

Schlafapnoe ist eine schlafbezogene Atmungsstörung (auch schlafbezogene Atemstörung – SBAS genannt), bei der es während des Schlafs wiederholt zu Atemaussetzern (auch Apnoen genannt) oder zu einer stark verminderten Atmung (auch Hypopnoen genannt) kommt. Diese Atemaussetzer dauern in der Regel mindestens 10 Sekunden und können – je nach Schweregrad – mehrere hundert Mal pro Nacht auftreten.

Die Folgen dieser wiederholten Atemaussetzphasen sind:

  • Abfall des Sauerstoffgehalts im Blut (Hypoxie) und Ansammlung von Kohlendioxid (Hyperkapnie)
  • Aufweckreaktionen (auch Arousals genannt) – der Körper wacht auf, um wieder zu atmen
  • Fragmentierter, nicht erholsamer Schlaf – die Schlafarchitektur und die verschiedenen Schlafstadien sind gestört
  • Herz-Kreislauf-Belastung: Die wiederholten Atemaussetzer und der Sauerstoffmangel belasten das Herz-Kreislauf-System erheblich

1.2 Symptome der Schlafapnoe

  • Exzessive Tagesschläfrigkeit (auch Tagesmüdigkeit oder Tageschläfrigkeit genannt) – das Leitsymptom der Schlafapnoe
  • Wiederholtes Erwachen in der Nacht, oft unbewusst
  • Schnarchen (ein typisches Begleitsymptom bei der obstruktiven Schlafapnoe)
  • Kopfschmerzen am Morgen
  • Nächtlicher Harndrang (auch Nykturie genannt)
  • Herzrasen bei plötzlichem Erwachen
  • Atemnot beim Aufwachen oder nachts
  • Leistungsabfall und Konzentrationsprobleme am Tag
  • Erhöhtes Risiko für Unfälle durch gesteigerte Tagesmüdigkeit

1.3 Arten der Schlafapnoe

  1. Obstruktive Schlafapnoe (OSA)

    Die obstruktive Schlafapnoe, auch als OSAS (Obstructive Sleep Apnea Syndrome) oder obstruktives
    Schlafapnoesyndrom bekannt, ist die häufigste Form der Schlafapnoe.

    Ursache

    Bei der OSA kommt es zu einer Obstruktion bzw. einem Kollaps der oberen Atemwege – das heißt, die Muskulatur im Rachen (auch Schlundmuskulatur oder Pharynxmuskulatur genannt), der Weichgaumen und die Zunge erschlaffen während des Schlafs so stark, dass die Atemwege verengt oder vollständig verschlossen werden.

    Charakteristiken

    • Der Nasopharynx, Oropharynx oder beide Bereiche können betroffen sein
    • Der Zungengrund kann nach hinten (retral) fallen, besonders in Rückenlage – dies wird als lageabhängige Schlafapnoe bezeichnet
    • Schnarchen ist ein typisches Zeichen, da die Atemluft durch die verengten Atemwege turbulent fließt
    • Prävalenz: Etwa 9% der Frauen und 13% der Männer in der Bevölkerung haben OSA; bei älteren Menschen (65–70 Jahre) etwa 60%

    Schweregrad der obstruktiven Schlafapnoe

    Die Schweregrad-Klassifikation erfolgt anhand des Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) – dies ist die Anzahl der Atemaussetzer und Minderatmungen pro Stunde Schlaf.

    • Leichte OSA: AHI von 5–15 Ereignissen pro Stunde
    • Mittelschwere OSA: AHI von 15–30 Ereignissen pro Stunde
    • Schwergradige OSA: AHI von über 30 Ereignissen pro Stunde
  2. Zentrale Schlafapnoe (CSA oder ZSA)

    Zentrale Schlafapnoe ist eine seltener auftretende Form, bei der die Atemstörung im zentralen Nervensystem liegt – das Gehirn sendet keine ausreichenden Atemimpulse an die Atemmuskulatur, was zu einem Atemstillstand führt.

    Ursachen

    • Störungen des Atemzentrums im Gehirn
    • Chronische Herzinsuffizienz mit Cheyne-Stokes-Atmung (regelmäßig wechselnde Atemtiefe mit Atempausen)
    • Neurologische Erkrankungen oder Schlaganfall
    • Einnahme bestimmter Medikamente oder Drogen

    Formen der zentralen Schlafapnoe nach ICSD

    • ZSA mit Hypoventilation (verminderter Atmung): Die Atemmuskulatur erhält zu wenige Impulse
    • ZSA mit Hyperventilation (gesteigerter Atmung): Übermäßige Atmung führt zu sinkenden CO2-Werten, was wiederum zu Atemaussetzern führt (paradox)
    • ZSA bei Cheyne-Stokes-Atmung: Typisch bei Herzinsuffizienz, mit wechselndem Atmungsmuster
  3. Gemischte Schlafapnoe (Mixed Sleep Apnea)

    Eine gemischte Schlafapnoe ist eine Kombination aus obstruktiver und zentraler Schlafapnoe – beide Mechanismen treten auf. Sie beginnt oft mit einer Störung des Atemzentrums, gefolgt von einer obstruktiven Apnoe.

1.4 Therapiemöglichkeiten der Schlafapnoe

  1. PAP-Therapie (Positive Airway Pressure) – Erste-Linien-Therapie

    Die PAP-Therapie bzw. CPAP-Therapie (Continuous Positive Airway Pressure) ist die Standardtherapie und Erste-Linien-Therapie für die Behandlung der obstruktiven Schlafapnoe.

    Funktionsweise

    • Ein Überdruckbeatmungsgerät bzw. CPAP-Gerät erzeugt einen kontinuierlichen Überdruck durch eine Schlafmaske, die über Nase oder Nase-Mund getragen wird
    • Der kontinuierliche Atemwegsdruck hält die oberen Atemwege offengehalten und verhindert deren Kollaps

    Nachteile

    • Unbefriedigende Therapieverträglichkeit: Etwa 30–50% der Patienten können die CPAP-Therapie auf lange Sicht nicht tolerieren
    • Höhere CPAP-Drücke (über 15 mbar) werden besonders schlecht vertragen
    • Nebenwirkungen: Nasale Irritation, Unbehagen mit der Maske, Kopfschmerzen
    • Sperrigkeit und fehlende Portabilität, besonders beim Reisen
  2. Unterkieferprotrusionsschiene (UKPS) – Zweite-Linien-Therapie

    Die Unterkieferprotrusionsschiene, auch als mandibuläre Protrusionsschiene, Schnarchschiene oder Zahnschiene bekannt, ist seit November 2020 die zugelassene Zweite-Linien-Therapie zur Behandlung der obstruktiven Schlafapnoe mit leichtem bis mittlerem Schweregrad.

    Aufbau und Funktionsweise der UKPS

    Struktur
    • Besteht aus zwei Kunststoffschienen – eine für den Oberkiefer und eine für den Unterkiefer
    • Die beiden Schienen sind über seitlich angebrachte Stege bzw. Verbindungselemente miteinander verbunden
    • Die Schienen werden individuell aus transparentem Kunststoff maßgefertigt
    • Das Material ist biokompatibel, langlebig und komfortabel
    Funktionsprinzip – Protrusion
    • Vorverlagerung des Unterkiefers nach vorne (Protrusion), meist um wenige Millimeter bis maximal 12–14 mm
    • Dadurch wird auch die Zunge nach vorne verlagert und am Zurückfallen in den Rachen gehindert
    • Leichter Zug auf die Rachenmuskulatur, wodurch Erschlaffung vermindert wird
    • Vergrößerung des Luftraums zwischen Zungengrund und Rachenhinterwand
    • Basiert auf dem Esmarch-Handgriff aus der Notfallmedizin (Freimachen der Atemwege durch Vorschieben des Unterkiefers)
    Ergebnis
    • Die Atemwege bleiben offen, und es kommt zu keinen oder deutlich weniger Atemaussetzern
    • Apnoe- und Hypopnoe-Episoden werden deutlich reduziert
    • Der Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) sinkt signifikant
    Tragedauer und Anwendung
    • Nur beim Schlafen – idealerweise jede Nacht
    • Konsequente und dauerhafte Anwendung (lebenslang)
    • Schon nach wenigen Tagen Nichtanwendung können Atemaussetzer zurückkehren
    • Jährliche Bisskontrolle empfohlen, um Veränderungen der Verzahnung zu erkennen
    Wirksamkeit (IQWiG 2020)
    • Reduktion der Tagesmüdigkeit: Bei leichter bis mittelschwerer OSA gleichwertig zur CPAP-Therapie
    • Vergleichbare Effektivität: Nichtunterlegenheit gegenüber PAP-Therapie bei leichter bis mittelschwerer OSA
    • Keine Nachteile gegenüber PAP-Therapie zeigten sich
    • Verbesserung von Leistungsfähigkeit und Schlafqualität nach Behandlungsstart
    • Sehr hohe Zufriedenheit: Über 90% berichten hohe Zufriedenheit

    Indikationen für die UKPS

    Gemäß offiziellem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) indiziert für:

    • Patienten mit leichter bis mittelschwerer obstruktiver Schlafapnoe
    • Patienten, die CPAP-Therapie nicht tolerieren oder ablehnen
    • Anatomisch geeignete Kieferverhältnisse (ausreichend belastbares Gebiss und stabile Zahnverankerung erforderlich)
    • Stabiler Zahnstatus für sichere Fixierung der Schiene

    Kontraindikationen für die UKPS

    • Schwergradige obstruktive Schlafapnoe (AHI > 30) – hier ist in der Regel CPAP notwendig
    • Schwerwiegende zahnmedizinische Probleme (Zahnverlust, schwere Parodontitis, unbehandelte Karies)
    • Kiefergelenkserkrankungen oder ausgeprägte CMD (Craniomandibuläre Dysfunktion)
    • Nicht ausreichende Zahnwurzellänge oder starke Zahnwurzelresorption

    Vorbehandlung und Diagnostik vor UKPS-Versorgung

    Vor der Anfertigung einer UKPS sind folgende Untersuchungsschritte notwendig:

    1. Diagnose der Schlafapnoe durch Schlafmediziner (Polysomnographie, Polygraphie oder Polysomnografie)
    2. Versuch mit Standardtherapie (CPAP); bei Unverträglichkeit Überleitung zur UKPS
    3. Zahnärztliche Voruntersuchung mit Funktionsanalyse (Gebisstyp, Zahnverankerung, Kieferverhältnisse)
    4. Protrusionsbissnahme zur Bestimmung der optimalen Vorverlagerungsposition
    5. Individuelle Anfertigung nach Abdrücken oder digitalen 3D-Scans
    6. Regelmäßige Kontrollen in enger Absprache zwischen Zahnarzt und behandelndem Arzt
  3. Kombinierte Therapie: CPAP + UKPS

    In einigen Fällen zeigt sich eine Kombinationstherapie als wirksam – besonders für Patienten, die hohe CPAP-Drücke nicht tolerieren:

    • Die UKPS schiebt den Unterkiefer vor und vergrößert damit den Luftraum
    • Reduktion des erforderlichen CPAP-Drucks um durchschnittlich 9,2 mbar (verbesserte Verträglichkeit)
    • Stärkere Reduzierung des AHI als jede Einzeltherapie

1.5 Besonderheit: Die Unterkieferprotrusionsschiene beim Reisen

Vorteile der UKPS für Reisende

Ein großer Vorteil der UKPS gegenüber der CPAP-Therapie beim Reisen ist die hervorragende Tragbarkeit und Portabilität:

  1. Kompaktes Transportformat

    • Klein, leicht und wenig sperrig im Vergleich zu CPAP-Gerät, Schlauchsystem, Maske und Stromversorgung
    • Passt in die Reisetasche oder sogar in die Hosentasche
    • Platzeinsparung bei Flugreisen ist ein entscheidender Vorteil
  2. Stromfreiheit – volle Reiseflexibilität

    • Keine Stromversorgung oder Stromanschlüsse nötig
    • Unabhängig vom Aufenthaltsort; Stromspannungsprobleme entfallen
    • Geeignet für abgelegene Gegenden oder instabile Stromversorgung
  3. Unabhängigkeit von Strom- und Reiseadaptern

    • Kein Mitschleppen von Adaptern, Netzteilen oder internationalen Steckern erforderlich
    • Keine Kompatibilitätsprobleme mit unterschiedlichen Stromsystemen
  4. Hoher Reisekomfort

    • Diskret tragbar
    • Im Hotel keine spezielle Ausrüstung nötig
    • Hotelzimmer-freundlich: keine Lärmentwicklung, keine Störung des Partners
  5. Langlebigkeit und Wartungsfreiheit

    • Wartungsfrei im Vergleich zu CPAP (keine Maske/Schlauch/Filter)
    • Reparaturen unterwegs praktisch nicht notwendig
    • Robust und zuverlässig
  6. Kosteneffizienz beim Reisen

    • Keine zusätzlichen Reisekosten für Adapter oder Ersatzteile
    • Keine teuren oder zeitaufwendigen Ersatzteilbeschaffungen im Ausland

Praktisches Reiseszenario mit UKPS

Stellen Sie sich vor: Sie möchten eine mehrtägige Reise machen – mit einer UKPS können Sie einfach:

  • Die Schiene in die Zahnputztasche packen
  • Nachts anziehen und schlafen – ohne zusätzliche Ausrüstung
  • Morgens abnehmen und in der Tasche verstauen

Im Vergleich dazu müsste ein CPAP-Nutzer:

  • Ein großes Gerät mitnehmen
  • Stromquelle recherchieren
  • Stromadapter bereitlegen
  • Schlauchsystem reinigen und pflegen
  • Mögliche Stromkompatibilitätsprobleme lösen

Langzeitfolgen unbehandelter Schlafapnoe

Wenn Schlafapnoe unbehandelt bleibt, können folgende ernsthafte Folgeerkrankungen auftreten:

  • Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) – durch die wiederholte Aktivierung des Nervensystems
  • Myokardinfarkt (Herzinfarkt)
  • Apoplexie (Schlaganfall) – durch die Herz-Kreislauf-Belastung
  • Herzrhythmusstörungen und Arrhythmien
  • Chronische Herzinsuffizienz – durch die dauerhafte Belastung
  • Diabetes mellitus – Schlafapnoe erhöht das Diabetes-Risiko
  • Unfälle durch extreme Tagesmüdigkeit – im Straßenverkehr, an Maschinen, am Arbeitsplatz
  • Kognitive Beeinträchtigungen und Gedächtnisstörungen durch wiederholten Sauerstoffmangel

1.6 Zusammenfassung

Die Schlafapnoe ist eine ernst zu nehmende schlafbezogene Atmungsstörung, die einer Therapie bedarf. Die Unterkieferprotrusionsschiene stellt seit 2020 eine wichtige und zugelassene Zweite-Linien-Therapie dar, insbesondere für Patienten mit leichter bis mittelschwerer obstruktiver Schlafapnoe, die eine CPAP-Therapie nicht tolerieren. Die Vorteile beim Reisen – Kompaktheit, Stromfreiheit, Wartungsfreiheit und volle
Reiseflexibilität – machen die UKPS zu einer attraktiven Alternative für mobil lebende Menschen. Eine individuelle Anpassung durch einen Zahnmediziner und eine enge Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt und
Schlafmediziner sind entscheidend für den Behandlungserfolg.

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